Der Pyrenäentrip - Teil 4

Nachdem wir uns den Staub der Pyrenäen abgewaschen hatten, machten wir uns auf den Heimweg. Hier erwarteten uns mit Marseille, Saint Tropez, der Verdonschlucht und dem Lago d'Iseo noch ein paar echte Highlights.

Marseille: Kann man, muss aber nicht

Nachdem wir alle - Godzilla eingeschlossen - frisch gewaschen und gepudert waren, ging es auf die Autobahn in Richtung Osten. Trotzdem wir die Heimat praktisch schon ins Visier nahmen, waren da noch einige Orte auf unserer Route, auf die wir uns richtig freuten.


Der erste Ort war Marseille. Leider haben wir keine guten Erinnerungen an Marseille. Die Stadt, bzw. das was wir von der Stadt gesehen hatten, wirkte sehr lieblos. Als wir vor unserem Hotel angekommen waren schaute Sonja mich an und sagte: "Hier steige ich auf keinen Fall aus". Das bestätigte mein unbehagliches Gefühl und ich kann euch auch heute nicht sagen an was das lag. Vielleicht waren es die ausdruckslosen Gesichter der Menschen die wir sahen und die tristen Farben der umliegenden Gebäude? Wie auch immer wir entschieden uns die Buchung zu stornieren und eine andere Unterkunft zu suchen. Ich verließ mich auf die Bewertungen von booking.com und fand eine Art Hostel. Die Dame an der Rezeption war sehr freundlich und erklärte uns die wichtigsten Sachen. Als unsere Kinder mitbekamen, dass es auch noch einen kleinen Außenpool gab, war klar, dass wir diesen unbedingt aufsuchen mussten.


Die Suche nach einem Lokal, in dem wir zu Abend essen konnten, führte uns auf ein weitläufiges Areal mit großem Spielplatz. Sonja und ich setzten uns gemütlich am Rand auf eine Stufe, während die Kinder den Spielplatz erkundeten. Um uns rum herrschte ein buntes Treiben: Es wurde Fußball gespielt, gegrillt oder einfach entlang der Promenade spazieren gegangen. Ein kleiner Junge bewarf seine offensichtlich ältere Schwester mit dem grobkörnigen Sand des Spielplatzes, worauf diese anfing ihren Bruder wutentfacht hinterher zu jagen. Der Kleine lief in der Hoffnung auf Schutz zu seinen Eltern, als ihm plötzlich ein erwachsener Mann - ich gehe davon aus, dass es der Vater war - bei vollem Lauf des Jungen seinen Unterarm ins Gesicht streckte. Als der Mann dann noch anfing auf den auf dem Rücken liegenden Zwerg mit der flachen Hand einzuschlagen, sprang ich reflexartig auf und schrie ihm entgegen: "HEY!!!". Nachdem der Mann wieder von seinem Sohn abließ, packte mich Sonja am Arm und sagte mit panischem Gesichtsausdruck: "Ich möchte jetzt sofort gehen!"

Mittagessen in Saint Tropez

Nach diesem eher unschönen Aufenthalt in Marseille ermöglichte mir der nächste Tag, Sonja einen kleinen Traum zu erfüllen. Sie träumte schon immer davon mal einen Cappuccino in Saint Tropez zu trinken.


Wir erreichten Saint Tropez gegen Vormittag und fuhren - wie so oft - völlig planlos einfach mal in Richtung Stadtmitte. Auf einem öffentlichen Parkplatz stellten wir unser Auto ab und machten uns zu Fuß auf, etwas mehr von diesem bekannten Ort zu erkunden. Wir schlenderten entlang des Ufers, hielten unsere Füße ins Meer und ließen uns die Sonne auf den Pelz scheinen. So genießen wir meistens fremde Orte, indem wir einfach in den Tag hinein leben. Uns ist klar, dass wir mit dieser Strategie oft wichtige Hotspots verpassen, allerdings entgehen wir damit meist dem Massentourismus und erleben die Einheimischen bei ihrem ganz normalen Leben, was sich unfassbar entschleunigend anfühlt. Ein weiterer Vorteil ist, dass man sehr spontan sein kann und so zückte ich beim ersten Anzeichen von Hunger mein Handy und befragte TripAdvisor nach einer gut bewerteten Gelegenheit Mittag zu essen:

 Pearl Beach. Danke, es war einfach nur lecker.

Und plötzlich war da dieser See

Benno, der Getränkehändler meines Vertrauens, der mit seiner Familie meist mit dem Camper unterwegs ist, sagte mir: "Wenn du in der Gegend von Saint Tropez bist, mach unbedingt einen Abstecher zur Verdonschlucht!". Voller Vertrauen auf Benno verließen wir die Côte d’Azur in Richtung Norden und fuhren wieder in das Landesinnere. Die Sonne schien, es war wenig Verkehr und die kurvenreiche Strecke verhinderte aufkommende Langeweile. Wenn wir uns nicht unterhielten, schauten die Kinder in ihre Tablets, während Sonja und ich uns ein Hörbuch anhörten. Und gerade als das Hörbuch einen spannenden Höhepunkt erreichte, hatte ich im linken Augenwinkel dieses türkis-blaue Glitzern. Ich drehte meinen Kopf nach links und traute meinen Augen nicht. Zwischen den Bäumen war in weiter Ferne ein See zu erkennen, der einen mit seiner Farbe so dermaßen in seinen Bann zog, dass man es nicht erwarten konnte dort anzukommen. Nach jeder Kehre hielt man sofort wieder Ausschau nach dem See und mit jedem gefahrenen Kilometer freute man sich mehr endlich seine Füsse in das blaue Wasser zu tauchen.


Auf einem Parkplatz angekommen holte ich die Tasche mit den Badesachen aus dem Kofferraum und wir legten uns an das Seeufer und genossen die Sonne, das Wasser und vor allem aber dieses Gefühl, dass einem bestätigt alles richtig gemacht zu haben.

Fehler von booking.com?

Über diverse mobile Apps fing ich an unsere Umgebung zu erkunden. Ein Ort, der nur einige Kilometer von uns entfernt war, zog meine Aufmerksamkeit auf sich: Moustiers-Sainte-Marie soll eines der schönsten Dörfer Frankreichs sein und er lag eigentlich genau auf meiner geplanten Route. Entspannt packten wir unsere Sachen und machten uns auf den Weg.


Moustiers ist ein kleines Bergdorf mit nur wenigen hundert Einwohnern. Einige Geschäfte und Lokale wurden direkt in den Felsen gebaut. Man betritt also durch die Eingangstür das Innere des Berges. Als wir da am späten Nachmittag im Ortskern auf einem kleinen Platz standen, die Sonnenstrahlen im Gesicht, den mächtigen Berg im Rücken und diese pure Energie spürten, nahm ich unbemerkt von den Mädels mein Handy, durchstöberte booking.com nach einer Bleibe und buchte. "Wir bleiben die Nacht hier!" sagte ich. Sonja sah mich ungläubig an und meinte: "Wie jetzt? Hast du was gebucht?" "Ja", entgegnete ich ihr und bemerkte kurz eine aufflackernde Freude in ihrem Gesicht, die sie mir aber auf keinen Fall zeigen wollte, war ja viel zu spontan von mir :)


An unserer Bleibe angekommen hielt ich der Dame mit den vielen Zetteln in der Hand mein Telefon ins Gesicht und sagte freudig: "Wir haben gebuhucht." Sie frage mich nach meinem Namen, ging die Zettel durch und meinte, dass Sie keine entsprechende Buchung finden könne. Ich zeigte ihr meine Buchungsbestätigung worauf sie meinte, sie würde jetzt erstmal die anderen Gäste fertig machen und dann schauen wir nochmal. Ich ging wieder raus zu meinen Mädels berichtete über den offensichtlichen Fehler von booking.com und zeigte auch Sonja nochmals die Buchungsbestätigung als ich bemerkte, dass ich nicht für kommende, sondern für die darauffolgende Nacht gebucht hatte.

Wenn eine Tür zu geht, geht eine andere auf

Ich ging also abermals zu der Dame rein und klärte sie über mein Missgeschick auf. Sie meinte, ich könne trotzdem kurz warten, evtl. hätte sie eine andere Möglichkeit für uns.

Als wir uns so in englisch unterhielten vermisste ich den französischen Accent in ihrer Betonung und ich frage sie, wo sie denn her käme. Kerstin war wie wir aus Deutschland. Sie ist zusammen mir ihrem französischen Lebensgefährten nach Moustiers gezogen und arbeitet während der Saison in einem Hotel. Vor- bzw. nach der Saison kümmert sie sich für Freunde und Bekannte um die Vermietung derer Wohnungen in Moustiers ... wie "unpraktisch" für uns :)


Kerstin sagte: "Ich habe da noch eine kleine Wohnung von einer Freundin, bei der ich allerdings noch die Betten beziehen muss." Normalerweise vermietet die Freundin per Airbnb für mindestens 3 Nächte. Sie könne es aber verantworten für uns eine Ausnahme zu machen. Ich wäre Kerstin vor Freude am liebsten um den Hals gefallen und versprach ihr, dass wir nur 2 Schlafzimmer und das Bad beanspruchen würden. Wohnzimmer, Küche sowie die weiteren Schlafmöglichkeiten würden wir unbenutzt lassen. Wir verbrachten die kurze Zeit, die wir noch warten mussten in einem der örtlichen kleinen Lokale, tranken etwas und saugten die Energie in uns auf. Kurz nach 18.00 Uhr holten wir unser Gepäck und trafen uns mit Kerstin am verabredeten Treffpunkt in einer der engen Gassen. Sie drehte sich zu einer kleinen alten Türe um, steckte den Schlüssel ins Schloss und meinte: "Ihr müsst die Türe beim Öffnen anheben, hier ist alles etwas schief." Sie öffnete die Türe und hieß uns willkommen. Wir schauten direkt von der Gasse in eine zwei große Stufen weiter unten liegende Puppenküche. Das ganze wirkte so wunderbar kitschig, dass es mir nicht gelang meine Begeisterung in Worte zu fassen.


Wir machten uns kurz frisch und zogen dann los, das uns von Kerstin empfohlene Lokal zu suchen um dort zu Abend zu essen. Nachdem die Sonne vollkommen untergegangen war, hüllte die Dunkelheit den ganzen Ort in eine positiv-mystische Atmosphäre, wir fühlten uns rundum wohl. 


Als ich am nächsten Morgen aufstand und im Schlafzimmer erstmal das Gleichgewicht verlor, kamen mir Kerstins Worte wieder ins Gedächtnis: "Hier ist alles etwas schief". Das war die wohl charmanteste Wohnung in der ich bisher eine Nacht verbracht habe.

Polizeikontrolle ;)

Mit dem Lago d'Iseo hatten wir uns mit unserem nächsten Reiseziel eine etwas längere Etappe vorgenommen, entsprechend wählte ich die Geschwindigkeit - weitestgehend im Rahmen der Vorschriften. Kurz bevor wir die Autobahn wieder erreichten stand dann ein uniformierter Mann auf der Straße und winkte uns mittels Kelle in eine Nebenstraße. "Mist" dachte ich mir, "bin ich doch zu schnell gefahren?". Der Polizist trat mit ernstem Gesichtsausdruck an mein Fenster und bat mich um Führerschein und Fahrzeugpapiere. Diese nahm er an sich und ging zu einem Einsatzwagen. Wir spekulierten im Auto wild herum, an welcher Stelle wir wohl zu schnell waren, denn in begrenzten Bereichen hielt ich mich eigentlich an die erlaubte Geschwindigkeit, nur außer Orts kam es schon mal vor, dass die Tachonadel die 140 mal kurz überschritt.


Im linken Außenspiegel sah ich dann den Mann zurück kommen. Sein ernstes Gesicht wurde mit jedem Schritt, den er uns näher kam, freundlicher. Als er dann wieder vor meinem Fenster stand, hatte er ein launiges Lächeln aufgesetzt, zückte sein Handy und frage mich, ob er wohl ein paar Fotos von dem Auto machen dürfe? Aaaahaaaaa ;)



Meine Côte d'Azur

Kurz vor der italienischen Grenze, in einem Ort namens Menton, wollte ich unbedingt zu Mittag essen und zwar direkt an der Strandpromenade. Wir kamen durch diesen Ort während unseres letzten Urlaubs in San Remo, als wir von dort aus entlang des Meeres nach Monte Carlo gefahren sind. Dieses Bild der Leute die da unterm Sonnenschirmen direkt an der Strandpromenade saßen, in ca. 20m Entfernung zum türkis-blauen Meer, manifestierte sich in meinem Gehirn als der Inbegriff der Côte d’Azur. Und wir hatten Glück. Nachdem uns die Bedienung des ersten Lokals aufgrund der fortgeschrittenen Mittagszeit noch abwies, hatte ein netter Herr in einem Lokal ein paar Meter weiter Mitleid mit uns und bot uns noch einen Tisch an. 


Und dann - saß ich da - direkt an der Côte d’Azur. Hatte gegessen - hielt einen Aperol in der Hand. Vor mir das türkis-blaue Meer - davor meine Kinder, die freudig am Strand spielten. Und neben mir - der Mensch den ich liebe und mit dem ich alt werden möchte. Oh klingt das kitschig, aber es war sooooo schön! So fühlt sich für  mich "Côte d'Azur" an.

"Und das ist ihre Terrasse..."

Den Rest des Tages verbrachten wir auf der italienischen Autobahn. Wir kamen erst am späten Abend in unserem Hotel an. Da unser Weg nicht am See vorbei führte, konnten wir nicht einordnen wie das Hotel geografisch zum See lag. Die Zufahrt zum Hotel verlief durch einen Park. Ein Bediensteter wies uns den Weg zum Hoteleingang, wo wir unser Gepäck ausladen konnten. Verschwitzt und kaputt von der langen fahrt rangierte ich das Auto also mit dem Heck zum Eingang und wir stiegen alle aus. Vor dem Auto stehend bemerkten wir, dass rechts neben dem Hoteleingang eine riesige Glasscheibe war, dahinter saßen sehr vornehm gekleidete Leute beim Abendessen und alle, wirklich alle schauten auf uns. Eigentlich hätten wir die Gunst der Stunde nutzen und nackt einen Tanz aufführen sollen. Ich meine, peinlicher hätte es nicht mehr werden können.


An der Rezeption empfing uns dann ein Sonnenschein von einem Menschen. Zwar hatte ich in den Hotelbewertungen schon gelesen, dass das Personal sehr freundlich sein soll, aber diese Dame vermittelte einem das Gefühl, dass sie in diesem Augenblick nichts lieber tun möchte als uns zu empfangen. Nachdem ich unser Gepäck ausgeladen hatte, geleitete sie uns durch verschiedene Gänge und Etagen zu unserem Zimmer. Nachdem wir das fünfte mal abgebogen waren, gab ich die Hoffnung auf hier jemals wieder zurück zu finden. Es war wie in einem Labyrinth. In unserem sehr geräumigen Zimmer angekommen erklärte sie uns, dass in unserer Abwesenheit während des Abendessens noch ein Bett für die Kinder bereit gestellt würde. Dann Schritt sie zu einer Türe am anderen Ende des Schlafzimmers und öffnete diese mit den Worten: "Und das ist ihre Terrasse."


Direkt vor uns, türmte sich eine Bergkette auf, deren Umrisse sich durch die letzten Strahlen der untergegangenen Sonne abzeichnete. Der See, der von Teilen der Bergkette eingekesselt wurde, funkelte in der Dunkelheit und wurde umrahmt von den Lichtern der anliegenden Orte. Dieses Bild traf mich so dermaßen unvorbereitet, das mir ein lautes und unkontrolliertes "Boahhh" aus dem Mund schoss. Ja, subtil ist anders...



Beim Eintritt in den Speisesaal, also dem Raum der auf der anderen Seite der vorhin beschriebenen Glasscheibe lag, wurden wir bereits erwartet. Auch der ein oder andere Gast schien uns wieder zu erkennen. Mist, wir hätten doch den Tanz aufführen sollen ;)

Das Essen war excellent, der Wein der Hammer und Personal einfach nur lieb. Auch wenn wir im gesellschaftlichen Vergleich zu den anderen Gästen nicht so 100%ig rein passten, fühlten wir uns pudelwohl.


Der Ausblick auf den See, den wir am nächsten Morgen sowohl von unserer Terrasse, als auch aus dem Frühstücksraum hatten - dieser befand sich ebenfalls hinter einer Glasscheibe - war einfach phänomenal und unterstrich nochmal alles was wir die letzten Tage miteinander erleben durften. Danke Familie!

Mein persönliches Fazit

Ich habe diese Zeit mit meiner Familie wie noch keinen Urlaub zuvor genossen. Er war so voller aufregender Erlebnisse die nur wie vier erlebt hatten und was gibt es schöneres als Erlebnisse mit den Menschen zu teilen, die einem am wichtigsten sind?


Dennoch, es gibt natürlich immer etwas, was man besser machen kann:

Komischerweise waren Sonja und ich ab dem Zeitpunkt, ab dem wir frei von zeitlicher Planung waren, einem nicht vorhanden Zeitdruck ausgesetzt. Wir hatten ständig das Gefühl irgendwo ankommen zu müssen, obwohl - vielleicht aber auch gerade weil wir keinen Plan hatten. Wir hatten alle Zeit der Welt, mussten zu keiner Zeit irgendwo sein und dennoch hat uns irgendetwas angetrieben.


Somit wird mein ganz großes Ziel für den nächsten Roadtrip sein, die zur Verfügung stehende Spontanität noch viel mehr auszureizen. Ich möchte eine maximale tägliche Fahrzeit festlegen damit die Autofahrt - so viel Spaß sie mir auch bereitet - weniger im Fokus steht. Das Ziel soll sein, kein Ziel zu haben!

Galerie

Facebook