Der Pyrenäentrip - Teil 3

Während eines zweitägigen Zwischenstop auf dem Weg nach Andorra erlebten wir den wohl schönsten Abend des Pyrenäentrips

Und dann war es eine Kurve zu viel

Der nächste Morgen empfing uns mit kühler Luft, viel Sonne und wolkenfreiem Himmel. Eigentlich die optimalen Voraussetzungen für einen ereignisreichen Tag mit dem Sportwagen in den Bergen. Aber irgendetwas lag in der Luft. War es die übertrieben lange Fahrt vom Vortag, der letzte Cocktail, den uns "Brian Flanagan" in Eigenkreation am Abend noch geshaked hat, oder war da noch etwas anderes? Wie auch immer: nach dem Frühstück wurden die Koffer wieder gepackt und es ging los in Richtung Lourdes. 


Die Straßen waren weitestgehend frei und gerade als ich in einem angenehmen Flow war, der uns einerseits die hervorragende Straßenlage des GT-R spüren ließ und es andererseits aber auch ermöglichte die immer wieder beeindruckende Landschaft der Pyrenäen zu genießen, fingen die Kinder im Fond hysterisch an zu schreien: Minou musste sich übergeben.


Ich suchte nach der nächsten Möglichkeit die Passstraße zu verlassen und fuhr linkerseits auf einen kleinen Platz auf dem umgelegte Mülltonnen lagen. Als erstes mussten wir unsere Mädels beruhigen. Die eine, weil sie sich furchtbar schuldig fühlte, für das was passiert war und die andere, weil sie es offensichtlich überhaupt nicht einordnen konnte. Wir erklärten Minou, dass sie keinerlei Schuld trifft und wir alles ganz leicht wieder sauber machen können. Während ich die Koffer aus dem Kofferraum lud um neues Gewand herauszunehmen überkam mich ein unfassbar schlechtes Gewissen. War ich zu schnell gefahren?


Nachdem der Innenraum gereinigt war und Minou wieder Farbe im Gesicht hatte, fuhren wir langsam weiter. Auf Passhöhe des Pourtalet suchten wir uns ein kleines Lokal um die Kinder nochmals zu beschwichtigen. Mir war klar, dass wir es mit der Fahrerei übertrieben hatten. Zwar hatte die Übelkeit nichts mit der Autofahrt sondern mit einer Magenverstimmung zu tun - denn auch mir war an diesem Tag nicht ganz wohl und Sonja erging es 2 Tage später ähnlich - aber ich bin von meinem Vorsatz abgekommen neben meiner Freude zum Autofahren die Freuden der Kinder nicht zu vergessen. Ich suchte also in meiner Google-Maps-Karte nach der nächsten möglichen Bleibe, die vor allem unseren Kindern gefallen würde: Sunêlia - Les Trois Vallées

Saberis goes Camping

An dem Campingpark angekommen hechteten die Mädels aus dem Auto, rannten zum abgeriegelten Bereich der Poollandschaft und starrten auf die bunten, kurvigen und scheinbar unendlich langen Rutschen. Als Sonja und ich die beiden da an dem Tor stehen sahen, die Hände jeweils rechts und links neben dem Gesicht fest um die Gitterstäbe geschlungen, konnten wir der Frage: "können wir hier bleiben?", die uns wie aus einem Mund entgegen gerufen wurde, nur noch mit einem "Ja" beantworten. "Jaaaa, juhuuuu, ihr seid die Besten!". Das ging runter wie Öl und mein schlechtes Gewissen wurde durch die freudig glänzenden Kinderaugen wie ausgelöscht.


An der Rezeption bekam ich alle nötigen Informationen und den Schlüssel für unser Mobilehome, das nun für die nächsten 2 Nächte unsere Heimat werden sollte.


Der Park war wirklich nett angelegt. Der Platz zwischen den mobilen Wohnplätzen war ausreichen groß und man hatte genügen Privatsphäre. Während wir die 3 Stufen zu unserer überdachten Holzveranda hoch stiegen, auf der unter anderem ein Esstisch stand, malte ich mir schon den weiteren Verlauf des Tages aus: Wir würden unsere Zimmer beziehen und dann einkaufen gehen. Danach würde ich uns ein leckeres Abendessen zaubern, während die Mädels den Tisch deckten. Am Abend säßen wir dann bei einem Glas Wasser bzw. Weißwein auf der Veranda und spielten UNO.


Im Inneren wurde ich dann von der Realität eingeholt. Zwar war alles super sauber und die Räumlichkeiten überraschend groß, allerdings waren weder Gewürze noch Essig oder Öl vorhanden. Ja, man hatte uns noch nicht mal Bettwäsche hinterlegt. Oder mit anderen Worten: Willkommen in der Welt des Campings. Ich klopfte mir imaginär von oben auf den Schädel: "Halloho McFly, jemand zu Hause?" Wie konnte ich nur so naiv sein zu glauben, dass ein Campingwagen wie ein Apartment ausgestattet sei?

Manchmal ist weniger einfach mehr

Wir stellten unsere Koffer ab, amüsierten uns noch kurz über Sonjas Vorstellung in einem unbezogenem Bett schlafen zu müssen und machten uns dann gleich auf den Weg in den nächsten Supermarkt. Die Challange war es nun so viel zu kaufen, dass es für den Abend und den nächsten Tag reichen würde aber auch so wenig, dass bei Abfahrt nichts mehr übrig ist. "Juhu, und das mit Hunger im Bauch!". Ich erspare euch an dieser Stelle die schier endlosen Diskussionen, Abwägungen, Vergleiche und Argumentationen im Supermarkt, am Ende hatten wir ein paar Tomaten, eine kleine Flasche Olivenöl, etwas Schinken und Käse, eine Dose Oliven, Weißbrot, eine Handvoll Nektarinen, eine halbe Wassermelone, ein Sixpack Wasser, eine Flasche Weißwein und je einen kleinen Salz- und Pfefferstreuer.


Als wir wieder am Campingplatz ankamen, organisierte ich an der Rezeption für teuere 30 EUR noch Bettwäsche - das nennt man wohl Lehrgeld. Wobei die Bezeichnung Bettwäsche etwas übertrieben ist. Der Stoff sah aus und fühlte sich an wie das Material das man von Teebeuteln kennt. Während man die Kopfkissen wirklich damit beziehen konnte, legte man das für die Bettdecke gedachte Teil wie eine Membran zwischen seinen Körper und die Decke. Also nichts für zartbesaitete Hygiene-Fetischisten!


Unser Hunger ließ uns eifrig zusammenhelfen "die Beute" aus dem Supermarkt sowie Teller und Besteck auf den Tisch zu bekommen. Käse und Schinken wurden entpackt, nett angerichtet und serviert. Die frischen Tomaten beträufelten wir mit Olivenöl und würzten sie mit Salz und Pfeffer. Es  war so  schön nach den vergangenen Tagen, an denen wir immer bewirtet wurden, mal wieder einfach und alleine im Kreise der Familie zu speisen und nebenbei erwähnt, mit Sonja auf unseren Hochzeitstag anzustoßen. Und so endete ein Tag, der mit so viel Tumult und Aufregung begann, mit der Erkenntnis, dass es nicht mehr als eine einfache Brotzeit im Kreise seiner Liebsten braucht um sich rundum wohl zu fühlen.

Leerer Tank kurz vor Andorra

Der nächste Tag war pure Entspannung. Während die Kinder im Wasser tobten, rutschten, schwammen und Freundinnen kennen lernten, hatten Sonja und ich Zeit nach belieben zu lesen oder einfach nur zu liegen und an Garnichts zu denken. Das gelegentliche Angebot der Kinder - auch mal ins Wasser zu kommen - nahmen wir gerne an und erkundeten dann zu viert die etwas dramatischer aussehenden Rutschen. Erst der Sonnenuntergang erinnerte uns daran, dass auch dieser Tag einmal zu Ende geht und wir nahmen etwas schwermütig zur Kenntnis, dass es am nächsten Tag wieder weiter ging.


Da ich für einen Schnäppchenpreis die Nacht in einem Fünfsternehotel ergattert habe, stand unser nächstes Reiseziel auch fest: Andorra. Mit dem Col du Tourmalet stand uns noch ein echtes Highlight bevor und ich konnte es kaum erwarten den Pass, den sich normalerweise die Radrennprofis während der Tour de France hinaufquälten, endlich einmal live zu sehen. Die Abfahrt vom Tourmalet bestätigte dann unsere Vermutung bezüglich Minous Übelkeit, denn nun hat es Sonja erwischt. Wir fuhren den Berg praktisch im Schritttempo hinunter und beschlossen dann die weiteren Pässe auszulassen und die restliche Strecke nach Andorra auf der Autobahn bzw. der Landstraße zu fahren. Der Reiz der günstigeren Kraftstoffpreise ließ mich bereits viele Kilometer vor Andorra immer wieder unsere Reichweite überprüfen. Nach unserer Rechnung - meiner und der des GT-R Bordcomputers - müsste der Tankinhalt locker ausreichen.


Bereits bei der vorletzten Tankstelle vor Andorra machten sich Zweifel in mir breit, ob die Rechnung aufgehen würde, aber die Faulheit und der Gedanke evtl. zweimal aussteigen und tanken zu müssen ließ mich auch noch an der letzten möglichen Tankgelegenheit vorbei fahren. Ich versuchte so langsam wie möglich zu fahren, wollte aber auch nicht der erste einer Schlange werden. So freute ich mich jedesmal, wenn wir ein anderes Fahrzeug eingeholt hatten und ärgerte mich, wenn es dann einen anderen Weg einschlug. Ca. 30 km vor der Grenze war es dann soweit: Reserve - noch 50 km. Ok, das müsste ja eigentlich ausreichen, wenn da nicht plötzlich dieser Stop & Go Verkehr angefangen hätte. Nach weiteren 20 Kilometern erschien als Reichweite keine Zahl mehr, sondern es wurden nur noch  "---" angezeigt! 


Leute, trotz aufgedrehter Klimaanlage habe ich geschwitzt als säße ich im Skianzug in der Sauna. Ich sah mich schon zu Fuß auf der Suche nach einem Reservekanister die Straße entlang laufen. Sonja, die das natürlich mitbekommen hatte, saß mit starrem Blick neben mir und schien uns den Berg hinauf zu meditieren. Bei diesem Anblick konnte ich es mir natürlich nicht nehmen lassen das Auto per Gaspedal kurz zum Stottern zu bringen. Ich glaube, hätte sie einen Dolch in der linken Hand gehabt, sie hätte ... und kein Gericht der Welt hätte sie dafür schuldig gesprochen. Wir schafften es dann mit dem letzten Tropfen an die erste Tankstelle nach der Grenze. Als ich das Auto abstellte war ich patsch nass und fühlte mich um 100 kg leichter.

Pretty Woman

Auf der Suche nach einem Parkplatz kreisten wir zwei mal um den Straßenblock unseres Hotels. Am Ende entschied ich mich direkt vor dem Eingang zu halten um zu fragen wo ich mein Auto parken könne. Auf dem Weg zum Hoteleingang viel mir auf wie dreckig unser Auto war. Staub, Schlamm, Stroh und sonstiger Dreck bis zu den Fensterscheiben. Dann sah ich mich so an und musste mir eingestehen: ich passte sehr gut zu meinem Auto. Nun ja, ändern konnte ich jetzt ohnehin nichts mehr. Also machte ich mich auf den Weg zur Rezeption und erklärte dort einer netten Dame, dass ich gebucht hatte. Während wir unsere Informationen austauschten kam von Rechts ein Herr auf mich zu, welcher der Kleidung nach ein Hotelangestellter sein musste und fragte mich, ob ich für das Gepäck einen Gepäckwagen benötige. Ich fand die Idee toll und sagte "Ja, gerne". Da die Dame unsere Ausweise benötigte, beschloss ich meine Mädels herein zu holen. Draußen angekommen sah ich, wie der nette Herr von vorhin anfangen wollte das das Gepäck aus dem Auto zu laden. Mein erster Gedanke war: "der macht sich an unserer Kiste vollkommen dreckig". Wir luden das Gepäck dann im Teamwork aus und er rollte alles zur Rezeption, wo wir unserer Ausweise abgaben und die Key-Card für unser Zimmer bekamen.


Vor dem Zimmer stand bereits unser Gepäck. In dem Zimmer waren zwei riesige Doppelbetten, welche pompös mit Decken und Kissen belegt waren. Das Bad war prunkvoll eingerichtet. Überall standen Fläschchen mit Cremes, Lotion, Seife, Shampoo, u.s.w und ich hörte unsere Tochter zum ersten mal fragen ob sie in die Badewanne gehen dürfe. Außerdem bekamen wir den Hinweis, dass es ihr hier sehr gefällt und sie ab jetzt nur noch in Fünfsternehotels nächtigen möchte. Ich zweifelte kurz an unserer Erziehung, musste schmunzeln und machte mich auf den Weg unser Gepäck rein zu holen. Ich öffnete die Tür und erschrak erst mal. Denn dort Stand praktisch Nase an Nase wieder dieser Herr, bewaffnet mit einem Koffer und einer Tasche. Er trat ein, stellte das Gepäck ab und ging wieder hinaus. Jedesmal wenn ich auch ein Gepäckstück nehmen wollte war er schon wieder da und ich fungierte am Ende nur als Türstopper. Während er hinein- und hinauswehte fragte ich mich, ob man denn da jetzt Trinkgeld gibt und wenn ja wie viel? Als er fertig war mit dem Gepäck hatte ich meinen Geldbeutel bereits 3 mal aus- und wieder eingeräumt, weil ich mir so unsicher war. Einerseits wollte ich höflich sein, andererseits wollte ich aber nicht wie die Oldschoolfraktion dastehen, die noch heute nach einer Flugzeuglandung applaudiert.


Ich fasste mir ein Herz für mein erstes Comingout. Ich erzählte dem wirklich netten Bediensteten, dass ich einen Service dieser Art das erste mal genieße und ich diese Situation nur aus Pretty-Woman kenne und mir nicht sicher bin, ob man jetzt Trinkgeld gibt oder nicht. Sehr höflich antwortete er, dass er sein Gehalt vom Hotel bekäme und ich nicht zusätzlich etwas bezahlen müsse. Ich formulierte meine Frage um und erfuhr, dass etwa 1/3 aller Gäste Trinkgeld geben würde, der Rest nicht. Ich spürte förmlich die rote Farbe in meinem Gesicht als ich ihm mit peinlichem Grinsen das Trinkgeld übergab!

Stimmung am Boden

Am Morgen des nächsten Tages machten wir uns auf den Weg in Richtung L'Escala, wo wir uns für den Abend mit meinem Bruder - der in Barcelona lebt - und seiner Familie verabredet hatten.


Obwohl wir wirklich gut geschlafen hatten und alle gesundheitlich wieder völlig hergestellt waren, machte sich bereits nach kurzer Fahrt eine Art Unbehaglichkeit im Auto breit. Keiner sagte etwas, aber jeder spürte, dass die Stimmung einen Tiefpunkt erreicht hat. Unterstrichen wurde dies noch durch die schmalen und unspektakulären Passstraßen die sich durch eine diesige, langweilige und menschenleere Landschaft zogen. Sonja durchbrach dann irgendwann die ungewohnte Stille im Auto und sprach aus, was jeder fühlte: "Ich glaube mir reicht es jetzt dann langsam...". Und obwohl ich genau das gleiche fühlte, hatte ich den Drang die Situation verteidigen zu müssen und überlegte krampfhaft nach Argumenten um die Stimmung wieder zu verbessern. Und dann, es war wirklich wie in einem kitschig-romantischen Film: der Himmel riss auf, die Sonne kam hervor, die Straße schien breiter zu werden, die Landschaft war saftig grün und atemberaubend schön, Autos parkten am Fahrbahnrand, Wanderer waren unterwegs und ihr könnt es glauben oder nicht, es waren Pferde auf der nicht eingezäunten Weide. 


Ohne es groß abzusprechen steuerte ich unser Auto leicht rechts neben die Fahrbahn hinter einige andere Fahrzeuge, die dort abgestellt waren. Wir stiegen aus und rannten einfach auf der Wiese rum, schauten von oben in die umliegenden Berggipfel und genossen die Sonne, die uns trotz der kühlen Luft wohlige Wärme spendete. Sonja fing dann auf einmal an Yogaübungen zu machen und die Mädels taten es ihr gleich. Sie übten den Kopfstand, schlugen Rad und alle waren auf einmal wieder super gut gelaunt. Die Stimmung, die wir vor wenigen Minuten im Auto noch hatten, schien bei 1400 m einfach abgestriffen worden zu sein.


Am frühen Abend erreichten wir dann die Gegend um L'Escala. Mein Bruder kennt sich hier bestens aus und so überließen wir ihm die Planung des kommenden Wochenendes. Ich muss sagen wir wurden nicht enttäuscht: Wir haben gespeist wie die Götter, waren an super schönen Plätzen, haben im spanischen Mittelmeer gebadet und hatten vor allem viel, viel Spaß und eine tolle Zeit.


Im nächsten Teil erzähle ich euch von den schönen aber auch unschönen Überraschungen auf unserer Rückfahrt nach Deutschland.

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